Kann ich von einer Stadt aus Astronomie oder Astrofotografie betreiben?

Sterne, Mond, Planeten, Galaxien und Nebel aus einer Stadt heraus beobachten – geht das?

Eventuell geht es euch ja wie mir: Die Faszination für das Weltall, die Sterne, Mond und Planeten sind riesig, aber nicht jeder wohnt abseits der großen, lichtverschmutzten Städte. Soll man deshalb gleich seine Träume für ein eigenes Teleskop aufgeben oder gibt es die Möglichkeit, von einer (kleinen oder gar großen) Stadt aus Objekte am Nachthimmel zu betrachten?

Ich versuche diese Frage nach bestem Gewissen zu beantworten. Am Ende des Posts zeige ich euch einige Objekte, die ich selbst aus der Innenstadt heraus fotografiert habe.

Die optimalen Bedingungen

Optimale Bedingungen für die Beobachtung (und Fotografie) durch ein Teleskop liegen vor, wenn:

  • Der Himmel möglichst frei von Wolken ist, man also klare Sicht hat
  • Der Himmel möglichst dunkel ist
  • Man freie Sicht in alle Richtungen hat, z. B. von einer Wiese aus
  • Es nicht zu kalt ist (Tau, Nebel..)
  • Das Seeing (Luftwabern bzw. -Unruhe) nicht zu stark ist
  • Nicht zu viele Teilchen in der Luft sind (Smog, Dampf von Schornsteinen..)
  • Man überhaupt draussen ist (also nicht im Haus steht und durch ein geschlossenes oder offenes Fenster blickt)

Wer in einer Stadt wohnt, muss also gezwungenermaßen Abstriche machen: So richtig dunkel ist der Himmel da nicht, und auch die Sicht ist oft eingeschränkt (Dächer, andere Häuser, Bäume..). Dazu kommt, dass alles, was bebaut ist (Straßen, Parkplätze, Häuser usw.) tagsüber Wärme aufnimmt und in der kühleren Nacht langsam, aber stetig abgibt. Da diese erwärmte Luft rund um diese Objekte aufsteigt und eine Art Luftaustausch stattfindet, ist die Luft in der Stadt also immer in Bewegung. Das sorgt für verschwommene, also weniger scharfe Sicht.

Das alles sind aber Bedingungen, mit denen man (bis auf in Extremfällen) klar kommen kann. Auch für solche Szenarien gibt es Objekte am Sternenhimmel, die sich gut beobachten lassen.

Womit man gar nicht klar kommt, sind die folgenden Szenarien:

  • Wenn ich beispielsweise nicht mobil bin/sein möchte und unbedingt von zu Hause aus beobachten werde, aber keinen Balkon oder Garten habe. Denn von von den Räumen aus in’s Freie blicken (egal, ob das Fenster auf oder zu ist) funktioniert i.d.R. – wenn überhaupt – nur für den hellen Mond.
  • Wenn ich zwar einen Garten, aber nur freie Sicht ganz nach oben (Zenit), also weniger Richtung Horizont, habe. Das schränkt so sehr ein, dass eine Anschaffung von einem Teleskop vermutlich nicht lohnt.

Was also kann ich dann von der Innenstadt aus durch ein Teleskop aus sehen?

Wir gehen mal davon aus, dass du über die Anschaffung eines Teleskops nachdenkst. Du wohnst in einer kleinen oder großen Stadt, der Himmel ist also nie schwarz, sondern allenfalls hellgrau. Du siehst in klaren Nächten vielleicht 60-150 Sterne und hast einen Balkon mit guter Aussicht oder einen Garten zur Verfügung. Vielleicht kannst du dein Teleskop theoretisch auch in einen Hof oder auf ein angrenzendes Grundstück, wie einen Park, stellen. Dein Beobachtungsort wird nicht zu stark von (Straßen)Lampen beleuchtet, da dein Teleskop ziemlich sicher auch dieses Streulicht einfangen wird.

Wenn das der Fall ist, wirst du zwar mit starken Einschränkungen leben müssen, aber könntest dennoch Freude am Beobachten haben.

Also, was könnte man theoretisch (hängt natürlich stark von den Bedingungen bei dir vor Ort ab) sehen?

  • Den Mond: Dieser wird so hell von der Sonne angestrahlt, dass ich in oft sogar durch ein Fenster beobachte (oder manchmal auch fotografiere). Der Mond geht also immer, so lange du ihn irgendwie sehen kannst. Unser Trabant ist übrigens auch ein Objekt, welches man tagsüber gut beobachten kann.
  • Einige Planeten: Merkur und Venus stehen sehr hell am Himmel, sind aber für die meisten Amateuroptiken zu klein, um sie sinnvoll beobachten zu können. Merkur würde ich sowieso nie ansteuern, da er (wenn überhaupt) nur tief am Horizont und stets in Sonnennähe sichtbar ist. Die Venus steht schon etwas weiter weg von der Sonne, ist aber im Teleskop unter 10 Zoll oft nur Matsch. Gleiches gilt übrigens für den hellen roten Mars. Besonders in Städten ist das Seeing (Luftwabern) so groß, dass Venus und Mars keine Details preisgeben. Lohnender ist schon der Anblick von Jupiter: Der Gasriese ist groß und facettenreich genug, so dass selbst ungünstige Beobachtungsplätze eine gute Beobachtung zulassen können. Besonders beeindruckend sind die Wolkenbänder, der große rote Fleck oder der Transit eines Mondes. Saturn zeigt auch bei kleineren Optiken seine Ringe. Zu beachten ist, dass man für die Planetenbeobachtung nicht nur ein gutes Okular, sondern auch eine vergrößernde Linse (Barlow) benötigt.
  • Plejaden: Die sieben Schwestern sind am Nachthimmel klar auszumachen. Beobachter erkennen sie als helle Ansammlung von mehreren Sternen.
  • Sternenhaufen: Auf Beobachter wirken sie wie Ballungszentren für Sterne.
  • Andromeda Galaxie: Je nach dem, wie hell oder dunkel euer Himmel ist, kann es sein, dass unsere Nachbargalaxie als heller, diffuser Fleck im Okular zu erkennen ist.
  • Orionnebel: Der Orionnebel ist so hell, dass man ihn von kleinen Städten aus meist noch erkennen kann. Bitte denkt daran, dass man bei der reinen Beobachtung mit den handelsüblichen, kleineren Teleskopen bei Galaxien und Nebel keine Farben sehen kann. Diese Objekte erscheinen also schwarz-weiß.
  • Einzelne Sterne: Für viele lohnende Ziele, wenn sie besonders hell sind und auf Grund von Luftwabern flimmern.

Wie ihr seht, gibt es also einiges zu entdecken. Wer sich für den Mond und die Planeten interessiert, wird auch von der Innenstadt heraus Erfolge erzielen können. Ein Einstieg in die Mondbeobachtung ist bereits ab rund 200 Euro möglich (Neupreis). Will man auch Planeten sehen, darf man mit 600 – 1200 Euro tiefer in die Tasche greifen. Eine Ausnahme sind Dobson-Teleskope: Hier gibt es viel für verhältnismäßig wenig Geld (200 – 350 Euro), allerdings eignen sich diese Teleskope (bzw. Montierungen) nur sehr selten auch für die Fotografie.

Und was kann ich von der Innenstadt aus fotografieren?

Wenn man sich nicht mit Mond, Planeten und den hellsten Objekten zufrieden geben möchte oder einfach mehr Details sehen möchte, kann theoretisch auch von der Innenstadt heraus fotografieren. Bei der Astrofotografie gibt es verschiedene Techniken, mit denen die Nachteile eines nicht ganz perfekten Beobachtungsorts teilweise ausgeglichen werden können:

  • Mond/Planeten: Mit einer modifizierten Webcam oder einer spezialisierten Planeten-Cam (gibt es ab 120 Euro Neupreis) nimmt man zahlreiche Bilder auf und legt sie anschließend übereinander. Das so genannte Stacking hilft dabei, aus einer großen Anzahl von Bildern die besten auszuwählen, damit möglichst viele Details erkennbar werden. Das Ergebnis muss mittels Bildbearbeitung geschärft werden, beeindruckt aber oft. Es sind sowohl Nahaufnahmen von Mondkratern, als auch schöne Bilder von Planeten möglich.
  • Nebel/Galaxien/Sternenhaufen: Hier wird ein anderes Equipment benötigt, so dass das Teleskop stets auf das Zielobjekt gerichtet bleibt. Mittels Langzeitaufnahmen (60s, 120s, 300s, 600s..) sammelt man möglichst viel Licht pro Bild. Je mehr dieser Bilder man aufnimmt, desto besser könnte das Zielobjekt eingefangen werden. Auch diese Aufnahmen werden gestacked und anschließend leicht bearbeitet, so dass das Resultat beispielsweise farbige Nebel oder Galaxien mit ihren Strukturen zeigen kann. Aber Achtung: Je stärker die Lichtverschmutzung am Beobachtungsort (Vollmond, Lampen..), desto mehr muss die Helligkeit künstlich aus den Bildern herausgerechnet werden. Mit zunehmender Lichtverschmutzung gehen also immer mehr Details verloren.
  • Milchstraße: Das weiße Band am Himmel wird besonders gut durch Fotografie “sichtbar”.

Durch das Umschwenken von Beobachtung auf Fotografie wird die Zahl der Objekte, die man erkennen kann, stark erweitert.

Astrofotografie ist allerdings ein teures Unterfangen: Neben einer stabilen Montierung mit automatischer Nachführung wird auch eine entsprechende Optik (Teleskop oder Kamera mit gutem Objektiv), eine (ggf. modifizierte oder spezielle) Kamera sowie einiges an Zusatz-Equipment benötigt. Wer länger belichten möchte, darf zudem Geld in so genanntes Guiding investieren. Ein Einstieg sollte mit gebrauchten Geräten erfolgen. Montierung, Teleskop, Kamera, Sucher, Leitrohr, Guiding etc. sind selbst im günstigsten Fall nur selten für unter 1000 Euro (wie gesagt, gebraucht) zu haben. Rechnet mal eher mit 1500 Euro. Für 2500 Euro gibt es die ersten sehr guten Sets im Neupreis.

Nachtrag vom 14.01.2018

In meinem kleinen Beitrag habe ich zwei Dinge nicht erwähnt:

  • Planetenbeobachtung und -fotografie sind, insbesondere bei Saturn und Jupiter, nicht das gesamte Jahr über möglich. Die am leichtesten zu beobachtenden Planeten sind immer nur für einige Monate im Jahr sichtbar, und zumindest die nächsten drei Jahre stehen sie (in unseren Breiten) sehr tief. Damit ist eine Beobachtung und Fotografie natürlich noch möglich, aber die Bedingungen sind erschwert.
  • Die Sonne kann natürlich auch beobachtet und fotografiert werden, dafür wird aber spezielles Equipment benötigt. Bitte niemals, unter gar keinen Umständen, die Optik ohne Schutz (spezielle Folie, z.B.)  auf die Sonne richten. Erblindungsgefahr!

 

Beispielaufnahmen aus der Innenstadt heraus

Mittlerweile habe ich die Beispielaufnahmen in eigene Blog-Posts ausgelagert: